25. September 2014

Cruiser, 25. September 2014, «Auf zu neuen Ufern», von Haymo Empl

Auf zu neuen Ufern - schmaz entwickelt sich vom Chor zum Musical-Cast

Mit dem ungewohnt populärmusikalischen aktuellen Programm feiert der schwule Männerchor die Diversität der Musik und des Schwulseins … und ein bisschen sich selber.

Ohne Zweifel: Der schwule Männerchor Zürich ist eine Institution. Seit Jahrzehnten beglückt uns die schwulste Boyband der Schweiz regelmässig mit tollem Chorgesang und begeistert längst nicht nur schwules Publikum. Das neue Programm bricht nun mit dem klassischen Gesang und klingt verheissungsvoll: ein Dirigent, drei Musikanten, 40 Sänger und mittendrin eine verstaubte Jukebox. Das ist «schmaz and the fabulous jukebox».

Die ersten Vorstellungen waren im Nu ausverkauft. Kein Wunder, denn die Vorschusslorbeeren waren enorm und das Programm macht neugierig: alleine die Trackliste! schmaz singt von ABBA über Madonna bis zu Queen ... selbstredend aber ohne ZZ Top; denn die Songs, beziehungsweise deren Auswahl, sollen gemäss schmaz das Thema «Schwulsein» im Sinne von «Geschichten machen Geschichten» thematisieren. Es handelt sich also um Lieder, die in irgendeiner Weise für die Gay-Community wichtig waren und sind. Neu singen in diesem Programm die schmaz-Männer nicht nur, sondern tanzen und schauspielern zusätzlich. Das gelingt teilweise recht gut, aber ein Sänger ist noch lange kein Tänzer oder Schauspieler. Verständlicherweise war da die Unsicherheit an den ersten Spieltagen noch seh- und spürbar, aber unter der Leitung von Ernst Buscagne schafften es die gut 40 Männer mit einer soliden Leistung zu verblüffen. Überhaupt: Der künstlerische Leiter des schmaz ist selbst eine grandiose Performance: er dirigiert, hüpft, singt mit, schwitzt, stampft und hat die Chorleitung absolut im Griff. Stilsicher, bestimmt, virtuos und charmant führt er den Chor auch durch anspruchsvolle Nummern und hat alles und alle jederzeit fest im Blick. Begleitet von einem Jazztrio bestehend aus Piano, Kontrabass und Drums singt und spielt der schmaz auf gutem musikalischem und künstlerischem Niveau Songs zum mitswingen, mitsingen und mitdenken.

Eine mutige Idee
Das neue Programm hat den einen oder anderen Premierengast aber auch verstört, denn schliesslich kennt man den schmaz eher als Gesangschor und weniger als Musical-Cast. Gut, es wurde in der Vergangenheit bereits seitens des Chors da und dort bei dem einen oder anderen Lied mal etwas Hin und Her gewippt, aber «gevoguet» im Madonna-Stil wurde vorher noch nie. Die Jukebox - gemäss Programm das Leitmotiv - gerät dramaturgisch etwas in Vergessenheit und die Gesprächsfetzen im Impro-Stil zwischen den einzelnen Nummern wirken oft etwas beliebig, auch der Running-Gag (« ... also bei uns in Russland ... » «Neiiiin. Nicht schon wieder Russland ... ») wird überstrapaziert. Tatsache ist: Das neue Programm polarisiert wie wohl kaum eine Darbietung der strammen Mannen zuvor: Die Meinung des Publikums war - belauschte man die Gäste bei Cüpli und Cola-light - durchzogen. Manch einer fragte sich, ob der Aufbruch zu neuen Ufern gelungen sei. Genauso viele Gäste zeigten sich aber von dieser mutigen Idee begeistert und genau das macht «schmaz and the fabulous jukebox» letztendlich spannend. Das aktuelle Programm spielt mit Klischees, die Musikauswahl ist klug und passend, der Enthusiasmus des Chors steckt an. Die Freude an der Musik ist für das Publikum spürbar ... und natürlich wäre es nicht der schmaz, wenn nicht das ganze Programm mit viel Herzblut und Liebe auf die Beine gestellt worden wäre. Verblüffend auch die Arrangements: Ohne Probleme können die Männer ein ABBA-Medley darbieten; obschon im Original ABBA-Agnetha den Sopranpart und ABBA-Frida Mezzosopran singt. Beim schmaz tönt es trotzdem gut. Hinter den neuen Arrangements steckt Stefan Eschmann, der schon für verschiedene Chöre und Interpreten gearbeitet hat, man hört also, dass ein Profi am Werk war. Das neue Programm vom schmaz ist gut. Es hat Ecken und Kanten, so soll es sein.