Donnerstag, 5. April 2007

NZZ, 5. April 2007

Interview mit Anna Jelmorini und Karl Scheuber zum Anlass des 40-Jahr-Jubiläums des Singkreises bzw. im Vorfeld des Karfreitagskonzerte 2007 im Grossmünster.

Eine Motivation, wie man sie selten findet - 

Vierzig Jahre Singkreis der Engadiner Kantorei Zürich

Vor vierzig Jahren wurde der Singkreis der Engadiner Kantorei Zürich gegründet, ein Chor, der sich immer an das Besondere gewagt hat. Am Karfreitag singt er gemeinsam mit dem «Schmaz Schwuler Männerchor Zürich» eine Uraufführung. Ein Gespräch mit den Dirigenten der beiden Chöre, Karl Scheuber und Anna Jelmorini.

Der Singkreis der Engadiner Kantorei Zürich ging vor vierzig Jahren aus den Jugend-Singlagern der Engadiner Kantorei in der Laudinella in St. Moritz hervor, wie sich Karl Scheuber erinnert: «Ich war in St. Moritz dabei, habe manchmal assistiert. Da nahmen Leute teil, die nicht nur zwei Wochen, sondern das ganze Jahr singen wollten. In Zürich gab es zudem den Kirchenchor „Zürcher Kreis der Engadiner Kantorei“; wir haben uns zusammengetan und 1967 den Singkreis gegründet». Scheuber war als Dirigent während vierunddreissig Jahren mit dabei. 2001 trat er zurück. «Irgendwann hat man alle Witzeleien gesagt, und es fällt einem nichts mehr ein», kokettiert er.

Mit speziellen Programmen von grosser Bandbreite hob sich der Chor immer vom Durchschnitt ab. So stellte man im ersten Konzert Franz Tischhausers «Nasobem» Monteverdis «Lamento dArianna» gegenüber. 1971 kam es zur wohl ersten integralen Aufführung von Monteverdis Marienvesper in Zürich. Andere Höhepunkte waren die Anton-Webern-Kantaten, die Mitwirkung bei den «Gurreliedern» von Schönberg, den «Troyens» von Berlioz oder beim «Mephistophele» von Arrigo Boito unter Gerd Albrecht in der Tonhalle. Immer auch hat sich der Chor für das Neue starkgemacht und zahlreiche Uraufführungen gesungen.

2001 ging die Leitung an Anna Jelmorini ohne Komplikationen, denn zwischen Scheuber und Jelmorini stimmt die Chemie. Es sei für sie kein einfacher Entscheid gewesen, ein solches Erbe anzutreten, berichtet die Dirigentin. Aber die Möglichkeit, mit dem Singkreis Werke aufzuführen, an die sich sonst niemand heranwagt, habe sie gereizt. «Der Singkreis hat die Offenheit dafür und hat eine grosse Erfahrung gesammelt.» Und Scheuber spürt im Chor auch ein starkes allgemeines kulturelles Interesse. Eine Grundmotivation und Stabilität, wie man sie selten findet. Seit dem Weggang von Kantor Klaus Knall am Grossmünster Zürich ist der Singkreis für die geistlichen Karfreitagskonzerte verantwortlich und tut sich für besondere Werke, welche eine grössere Stimmkraft brauchen, mit dem «Schmaz - Schwuler Männerchor Zürich» zusammen, den Scheuber 1990 mitbegründet hat.

Die beiden Chöre verstehen sich bestens. Vor zwei Jahren hat Jelmorini so Arthur Honeggers «Totentanz» aufführen können; jetzt ist Karl Scheuber dran und wird die vereinigten Chöre in einem «panrussischen» Programm leiten, wie er sagt. 

Aufgeführt wird am Schluss das Requiem von Alfred Schnittke, einem wolgadeutschen Katholiken, der das Werk zur Sowjetzeit als Theatermusik zu Schillers «Don Carlos» komponieren musste, da es sonst keine Chance gehabt hätte. Inder Mitte steht das Akkordeonstück «De profundis» von Sofia Gubaidulina, und eröffnet wird das Konzert mit einer Uraufführung: «Archipelago» des Weissrussen Valery Voronov, ein Kompositionsauftrag der beiden Chöre.

Scheuber: «Für mich war es am stimmigsten, zu Schnittke eine Uraufführung zu haben. Ich lernte Voronov vor anderthalb Jahren an den Tagen für Neue Musik Zürich kennen, hörte die Aufnahme eines spannenden Orchesterstücks von ihm und am nächsten Tag gab ich ihm den Auftrag.» «Archipelago» ist ein geheimnisvolles Stück geworden, das mit Inseln von Bedeutung spielt, die aus geräuschhaften Klangereignissen auftauchen. Voronov hatte die Vorgabe, für dieselbe Besetzung wie Schnittke zu komponieren, nur ein Instrument durfte er austauschen: Den Elektrobass ersetzte er mit einem Alphorn.



Und die weiteren Pläne des Singkreises? Zunächst kommt die Mitwirkung bei der «Traviata» im Hallenstadion, freut sich Anna Jelmorini. Ein weiteres Projekt ist die letzte Es-Dur-Messe von Franz Schubert, dann möchte sie Michael Tippetts Oratorium «A Child of Our Time» realisieren - wieder eine Rarität. Und ein Erlebnis für den Chor, das er mit sich in die Zukunft tragen wird. - Karl Scheuber wird im Sommer als Leiter der Abteilung Schul- und Kirchenmusik und Dirigieren an der Musikhochschule Zürich pensioniert: «Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter. Wie das sein wird, ist nicht voraussehbar, man muss sich schon ein bisschen wappnen und schauen, dass die Wertschätzung bleibt, auch von Arbeitgeberseite.» Seine Agenda im September, dem ersten «arbeitsfreien» Monat, ist indessen übervoll. Er werde es geniessen, Projekte zu realisieren, für die ihm bisher oft die Zeit fehlte: mit Musiktheater, Neuer Musik. Es ist ihm auch wichtig, seine enorme Erfahrung weiterzugeben: «Ich würde gerne punktuell wieder dozieren oder jemanden bei seiner Probenarbeit coachen. Das mache ich gelegentlich bereits jetzt schon.»