23. Mai 2006

Die Südostschweiz, 23. Mai 2006, von Carsten Michels, 

Chur

Dass Homosexuelle mehr können als nur kichern und giggeln, hat der schwule Männerchor Zürich am Sonntag in Chur bewiesen – mit einem hinreissend bodenständigen Liederprogramm.

 Auf den ersten Blick haben Fred Fishers „Whispering Grass“, Felix Mendelssohns „Abendständchen“ und der Gassenhauer „Mutter Goddams Puff“ von Brecht/Weill nicht viel miteinander zu tun. Am Sonntagabend jedoch fügten sich die drei Lieder ohne den geringsten Widerstand ins Konzertprogramm „Schmaz am Berg – die Chorperette“, mit dem der Schwule Männerchor Zürich (Schmaz) dem Publikum im Stadttheater Chur seine Aufwartung machte.


Ursprünglich war für das halbszenische Konzert (Choreographie: Muriel Bader) zwar ein roter Handlungsfaden vorgesehen. Aber im Lauf der sieben Probenmonate, die es gebraucht habe, bis alle das Programm mit seinen rund 30 Chorliedern beherrscht hätten, habe sich die Idee der musikalischen Bergwanderung inklusive Hüttenübernachtung halt ein wenig abgeschliffen, erklärte Chordirigent Karl Scheuber gegenüber der „Südostschweiz“.



Wie auch immer: Die Zuschauer im gut gefüllten Parkett des Stadttheaters begeisterten sich für die Schmaz-Gesänge unüberhörbar. Selten wurde ein Konzertprogramm so spontan von Beifall unterbrochen wie „Schmaz am Berg“ – mitten hinein in die stringenten szenisch-musikalischen Überleitungen zwischen den Stücken 

„Stärnli“ in neuem Glanz.

 Zu Szenenapplaus bestand auch durchaus Anlass. Was die rund 40 Männer vortrugen, ging weit über das übliche Laienchor-Niveau hinaus. Kaum je erklang das alpine „La Montanara“ so packend und bei aller Zartheit so kernig wie im Schmaz-Arrangement. Auch dem unverwüstlichen „Am Himmel stoht es Stärnli“ verlieh der Schmaz neuen Glanz – auf dem Bühnenboden liegend, liessen die Sänger den Stern in atemberaubendem Pianissimo aufgehen.

Nicht weniger wohlige Gänsehaut verursachte das Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“.

Abgesehen von einer Reihe weiterer oft und trotzdem immer wieder gern gehörter Lieder, teils a cappella, teils zur Akkordeonbegleitung von Srdjan Vukasinovic vorgetragen, barg „Schmaz am Berg“ eine Reihe wirklicher Trouvaillen: Die italienischen Volkslieder „La Blonde“ und „Era nato poveretto“ entstammten einer Sammlung von 18 Männerchorstücken, die just der weltberühmte Pianist Arturo Benedetti Michelangeli (1920-1995) für ein befreundetes Ensemble liebevoll arrangiert hatte. Ins komische Fach hingegen schlugen die Lieder „Muttersorgen“ und „Le Männerchor de Steffisbourg“ – letzteres eine Persiflage auf das helvetische Gesangsvereinswesen, das braven Familienvätern und Dorfburschen gestattet, ungestört unter sich zu sein.



Grusswort vom Bischof


Der Ablauf des gut 90-minütigen Programms gestaltete sich nicht nur dank der Zwischentexte (Heinz Stalder) so kurzweilig, die Radio-DRS-Legende Franziskus Abgottspon genauso erdig wie süffisant vortrug. Quasi als gesellschaftspolitischen Teil streute der Schmaz immer wieder Ausschnitte aus dem Chorsprechstück „Die Homosexualisierung der Gesellschaft“ ein. Der Komponist Thomas Läubli verarbeitete darin öffentliche Äusserungen Schweizer Politikerinnen und Politiker zum Thema Partnerschaftsgesetz. Dass sich unter diesen Äusserungen auch ein Statement von Bischoff Amedée Grab befand, verlieh der Churer Aufführung eine zusätzliche pikante Note. 



Post aus Steffisburg


Die gelöste Stimmung des Chores kam am Sonntag nicht von ungefähr: In Chur feierte der Schwule Männerchor Zürich, dem auch drei Bündner angehören, die Dernière seiner „Chorperette“. Nachdem Beifall und Bravorufe verhallt waren, versammelten sich die Sänger zum Apéro im Theatercafé, und Dirigent Karl Scheuber erhielt als Dankeschön eines der blinkenden Herzen der Bühnendekoration. Heiterkeit löste schliesslich eine Postkarte aus: eine Einladung zu einem Konzert des vom Schmaz persiflierten Männerchors in Steffisburg.