Dienstag, 14. März 2006

Tages-Anzeiger, 14. März 2006,
 «Durchbrochene Bergler-Romantik»

, von Nina Scheu

Der schwule Männerchor Zürich wandert mit einem bunten Liederabend über die Gipfel des Humors zu den Tälern einer schwulenfeindlichen Politik.

 

Wenn man diesen vierzig Männern in ihren karierten Hemden und hochgekrempelten Hosen zuschaut, wie sie auf der viel zu kleinen Bühne des Miller's Studio als Wandervögel posieren, wenn man ihnen zuhört, wie sie bekannten Volksliedern durch eine leise Verschiebung der Akzente neue Bedeutungen unterlegen, dann denkt man unwillkürlich an Ang Lees Cowboyfilm «Brokeback Mountain», in dem der Wilde Westen so berückend zärtlich wird.
Unser traditionelles Liedgut entpuppt sich unerwartet als Hort der Männerromantik und passt somit ganz hervorragend ins aktuelle Programm des schmaz, also des schwulen Männerchors Zürich, der sich wieder einmal querbeet durch die Zeiten, Stile und Stimmungen bewegt. Ob «La Montanara», ein Stück, das beim konzeptuellen Titel «schmaz am Berg» unbedingt ins Programm gehörte, oder Robert Schumanns vielstimmig intonierte «Der Eidgenossen Nachtwache»: Die singenden Schwestern und ihr musikalischer Leiter Karl Scheuber finden (fast) immer den richtigen Ton. Schliesslich gilt der schmaz als einer der besten Männerchöre des Landes.



Zur Auflockerung liest oder besser: interpretiert Franziskus Abgottspon literarische Intermezzi von Heinz Stalder, die mit assoziativem Wortgeplänkel thematische Übergänge schaffen und Bezug nehmen auf die Forderungen der homosexuellen Minderheit. Eindrücklich sind auch die komplexen Sprechgesänge, die Thomas Läubli aus einschlägigen Phrasen homophober Politiker zusammengesetzt hat und die sich überraschend reibungslos in ein höchst genüssliches Programm einfügen, das weder vor der klassischen Chorliteratur zurückschreckt, noch vor Kurt Weills Moritaten - geschweige denn vor Nella Martinettis und anderen Schnulzen.