Dienstag, 13. April 2004

NZZ, 13. April 2004, 
«Sinnlichkeit, selbst in der Trauer», von A. Zimmerlin

Wenn sich zwei sehr gute Chöre zusammentun, kann sich Ausserordentliches ereignen: Am Schluss des gemeinsamen Karfreitagskonzerts des Singkreises der Engadiner Kantorei (Leitung: Anna Jelmorini) und des schmaz schwuler Männerchor Zürich (Leitung: Karl Scheuber) erklangen zwei A-cappella-Sätze aus Gioachino Rossinis «Stabat Mater», für welche sich die beiden Chöre vereinigten. Unglaublich, welch sinnlicher Klang, welche Farben, welche Fülle hier das Zürcher Grossmünster füllten.

Rossini ist im «Eja Mater» (Chor mit Bass-Solo) und im «Quando corpus morietur» (Chor allein) raffinierter mit dem Chorklang und Chorsatz umgegangen, als er es sonst mit einem Orchester zu tun pflegte. Und mit welch fein ausgehörtem Atem, welchen Klangmischungen verstanden es Jelmorini und Scheuber - sie leiteten je einen der Sätze -, diese Musik im grossen Kirchenraum wirken zu lassen.

Doch schon davor zeigte sich, in welch vortrefflicher Verfassung die beiden Chöre sind. Sie präsentierten sich je einzeln mit Raritäten. Der Singkreis beispielsweise mit einem «Miserere», zwei Karfreitags-Responsorien und einem meisterlichen «De Profundis» (hier wurden die tiefen Männerstimmen durch den schmaz verstärkt) des Bach-Zeitgenossen Zelenka. Und der schmaz machte mit einem frühen, beinahe opernhaften «Miserere» Rossinis bekannt. Begleitet wurden die Chöre durch das Orchester La Chapelle Ancienne auf historischen Instrumenten, und für die Soli konnten drei ausgezeichnete Männerstimmen gewonnen werden: Hans-Jürg Rickenbacher (Tenor), Tino Brütsch (Tenor) und Peter Brechbühler (Bass).