1. November 2003

Tages-Anzeiger, 1. November 2003,
 «Verwunderte Häuser», von Olivier Senn


Der Schmaz und Franz Hohler präsentieren Männerchormusik mit Ironie: ein Schubert-Abend im Zürcher Volkshaus, von Olivier Senn

Eins vorweg: Der Schwule Männerchor Zürich (schmaz) hat in seinem jüngsten Konzertprogramm mit Werken von Franz Schubert eine gesangliche und gestalterische Qualität erreicht, wie wir sie von einem Laienchor so noch nie gehört haben. Besonders deutlich wird dies in den A-cappella-Gesängen wie «Grab und Mond»: Der Chorklang ist homogen, voll und rund, die Sänger begeistern durch ihre dynamische Agilität und reagieren äusserst flink auf jeden Wink von Dirigent Karl Scheuber.

Der Chor navigiert ohne Intonationstrübungen durch die mäandrierende Harmonik des «Gesangs der Geister über den Wassern», der erste Tenor meistert die schwierigen Koloraturen im «Dörfchen» mit leichter Tongebung, scheinbar ohne Anstrengung, und der tiefe Bass klingt so kernig, als hätten sich ein paar schwule Kosaken über die Wolga verirrt. Der schöne Gesang hätte bereits gereicht, um dem Publikum einen wunderbaren Abend zu bescheren, zumal mit der kompetenten Begleitung von Pianist Irwin Gage und den zart schmelzenden solistischen Einwürfen von Tenor Roger Widmer. Franz Hohler setzt dem jedoch die Krone auf, indem er in seinen kurzen Gedichten und Geschichten die zum grösseren Teil unsäglichen Gesangstexte ins Skurrile wendet. Hohler nimmt beispielsweise die Zeile «Die Häuser schaun verwundert drein» aus «Nachthelle» auf und liefert den Grund für die Verwunderung nach: Die Verwaltung hat zuerst eines der Häuser renoviert und dann die Mietzinse gesenkt. Wer wissen möchte, was es mit dem Schwimmer im städtischen Schwimmbad, den Schritten im Estrich oder der Prinzessin und dem Drachen auf sich hat, soll selber ins Konzert gehen.