25. November 2003

St. Galler Tagblatt, 25. November 2003, 
«Beunruhigende Idyllen», von Martin Preisser

Ein Kabarettist und Männerchöre von Schubert, passt das zusammen? Es passt so hervorragend wie bereichernd. Der Auftritt von schmaz wurde zu einem kulturellen Highlight.

Dass Schuberts Musik nicht idyllisch ist, vergessen wir immer wieder. Und welch dunklen, fragenden Unterstrom nach ein paar Takten Harmonie immer wieder findet, zeigen auch seine Kompositionen für Männerchor.

Dem schwulen Männerchor Zürich (schmaz) gelang von Beginn weg, die hellen und dunklen Seelenlandschaften und Gefühlsgemälde nebeneinander aufscheinen zu lassen, mit stupender und seltener Meisterschaft an Präzision, Klarheit in Ausdruck und Intonation, Stimmung und Einfühlung. Der schmaz singt natürlich, einnehmend, stete Aufmerksamkeit erheischend, auswendig und damit von innen. Einfach ein Erlebnis! Und die Übergänge vom schweinbar Harmlosen dieser Romantik in das Bedrohliche, Beängstigende wurden mit packender Präsenz gestaltet, die ihresgleichen suchen.Schubert und Ironie

Karl Scheuber erwies sich wiederum als einer, der «Zen oder die Kunst des Chordirigierens» beherrscht und zu einer Meisterschaft gebracht hat, der ruhig, aber bestimmt, Schuberts Schaffen mit stets wohl überlegtem Tonfall und Emotionsgraden vom Chor umsetzen lässt. Schuberts beunruhigende Idyllen, so meisterlich gegossen, verträgt sich das mit Ironie, mit dem fein dosierten Sarkasmus eines Franz Hohler? Der Kabarettist liess sich von Schubert inspirieren, ohne ihn zu demontieren. Die Schatten einer Schubertschen Welt hat sich Hohler mit viel Bewunderung angehört, um dann zu reagieren. Indem er silbergrauem Mondenschein den technischen Defekt einer Sirene gegenüberstellt, indem «harrendes Beben» der romantischen Dichter in einem modernen Zeitplan untergeht, indem ein Trinklied mit Zitaten aus einem Lehrbuch garniert wird, das sich mit Lebertumoren beschäftigt. Nein, Hohlers satirischer Blick ist ein fein dosierter, und seine Texte mit den bekannten schrägen Pointen sind selbst Idyllen, lassen Sehnsucht zu, kennen aber gleichzeitig die Gefährdungen, die Beunruhigungen eben. «Die wirkliche Liebe kommt von weit her», weiss Hohler, und das ist ein Satz, den man auch über Schuberts Tonsprache setzen könnte.

Magie der Musik

Poetisch war der Abend, er entwirrte romantische Rätsel und liess ihnen gleichzeitig ihr Geheimnis. Die Magie der Musik und das feine Lachen, das Hohler evoziert, bildeten eine wunderschöne «Welle» über den Abend, der in seiner Dichte einen Höhepunkt des Amriswiler Kulturjahres markierte. Ein Schubert-Lied hat viele Landschaften, untermalt auch durch das kongeniale Klavierspiel von Irwin Gage, dem grossen Liedbegleiter unserer Tage, dessen Tastenkunst nicht zuletzt durch das innere Mitsingen fesselte.

Interaktives Programm

Einen weiteren, kraftvollen Tenorakzent setzte auch Roger Widmer mit Soli und in Kombination mit dem schmaz. Beunruhigende Idyllen, ohne dass die Sehnsucht nach ihnen geschmälert worden wäre: So klar auf Schubert zu schauen, interpretatorisch oder mit kabarettistischem Wortwitz, das hat ihn dem Publikum in neuer Schönheit zurückgegeben, ohne Sentimentalität oder Traditionalität. Und noch eins: Die Schubert-Fans wurden Hohler-Fans und umgekehrt. Interaktiv nennt man Programme wie die des schmaz heute. Der Gewinn, den man daraus zog, war ein seltener: Schubert bleibt, diesmal rot unterstrichen von Hohler-Worten. Und an Hohler'sche Pointen wird man sich erinnern, dank Schubert- Stimmung im Ohr!
Unvergesslich bleibt der Abend letztlich auch dem organisierenden Verein Kulturforum Amriswil. Ein bis auf den letzten Platz ausverkauftes Haus beweist, dass der Verein mit dieser Veranstaltung richtig gelegen ist und das Publikum kulturelle Höhepunkte zu schätzen weiss.

Irwin Gage, Pianist
In einer anderen Welt

Der Meister des Liedes, Franz Schubert, ist zweifellos mein wichtigster Komponist geworden, ja ich würde sogar sagen, er ist mein Begleiter durchs Leben geworden. Keiner kann so wie Schubert mit seiner Tonsprache die menschlichen Gefühle in ihrer ganzen Vielfalt und Dimension ausdrücken. Und wenn ich im Konzert seine Partituren auf dem Klavier spiele, bin ich einfach in einer ganz anderen Welt.

Karl Scheuber, Dirigent
Idylle demontieren

Franz Schubert wirkte in der Zeit der frühen Industrialisierung, nimmt aber diese Thematik in seine Kompositionen nicht auf. Er zeigt eine schon damals nicht vorhandene Idylle, die wir nicht demontieren wollen, deren tiefe Bedeutung für das politische und soziale Leben wir mit Schuberts Musik aber zu erhellen versuchen.