Montag, 24. November 2003

Die Südostschweiz, 24. November 2003, 
«Dem Süssen die Süsse genommen»


Der Schwule Männerchor Zürich und Franz Hohler unterhielten bestens mit einem Abend voller Schubert-Lieder

«Ich hab eine Brieftaub in meinem Sold, die ist gar ergeben und treu. Sie nimmt mir nie das Ziel zu kurz und fliegt auch nie vorbei»: Die Texte zu den Liedern von Franz Schubert sind aus heutiger Warte mindestens gewöhnungsbedürftig, wenn nicht gar unterträglich. Einen Abend lang den verbalen Zuckerguss auszuhalten - das geht über der meisten Zeitgenossen Kräfte.

Es sei denn, der Schwule Männerchor Zürich (Schmaz) reist mit dem Kabarettisten Franz Hohler durch die Lande und lässt Letzteren die romantische Gedankenwelt auf heutige Verhältnisse übertragen. Da beantwortet die Angebetete das Beben des Herzens auch schon einmal mit einem Blick in die proppenvolle Agenda und bittet um Terminvorschläge via SMS. Oder heulen auch schon einmal zur Nacht, unter dem viel besungenen «silbergrauen Mondenschein», die Alarmsirenen.Hohler, der eigenlich derzeit eine Bühnenauszeit geniesst, sorgt für eine zweite Ebene im Schubert- Programm des Schmaz , und diese zweite Ebene ist mehr als nur wünschenswert. Daneben überrascht das Urgestein des kritischen Schweizer Lachers mit seinem Lied über einen Bauern, das er gemeinsam mit dem Chor singt, und greift am Ende für die Zugabe gar zum Cello: Nicht, um sich selber zu begleiten, sondern den Chor mit und bei Schubert zu unterstützen.

Der Schmaz seinerseits stellte beim Churer Gastspiel vom Freitag eindrücklich unter Beweis, dass er zu den besten Schweizer Männerchören gehört. Stimmlich klar und sauber und musikalisch einwandfrei wurden die witzig arrangierten Schubertlieder vorgetragen. Und Begleitpianist Irwin Gage überzeugte nicht nur an seinem Instrument, sondern legte auch viel Begeisterung für das Programm an den Tag.

Besondere Erwähung verdient in diesem Zusammenhang auch der für die Solopassagen - und einige Sololieder - engagierte Tenor Roger Widmer. Der an der Oper in Stuttgart engagierte Sänger offenbarte zwar einige bedeutungslose Wackler bei extremen Höhen, innerhalb seines angestammten Stimmspektrums gefiel er aber ausserordentlich durch Präsenz und Kraft.