17. November 2003

Der Landbote, 17. November 2003, 
«Auf Samtpfoten durch hauchzarte Akkorde»
, von Anja Bühnemann

Der Schwule Männerchor Zürich entpuppte sich am Schubert-Abend mit Franz Hohler als Meister der leisen Töne.


Scharen sich gegen 50 Männer zusammen, so geht es gewöhnlich hoch und laut her. Doch das muss nicht sein, wie der Schwule Männerchor Zürich - kurz: schmaz - mit seinem Schubert-Abend am vergangenen Freitag im Stadttheater Winterthur zeigte. Franz Schuberts Kompositionen für Männerchor atmen den linden Hauch der Romantik, da in fliessender Harmonik die Natur und die Regungen der Seele besungen werden.Chor mit besonderer Hingabe

Die hohe Zeit der Liedertafeln und Liederkränze ist wohl unwiderruflich vorbei, und umso erfreulicher ist es, dass sich mit dem schmaz in der Schweiz ein gut geschulter Männer(laien)chor etablieren konnte. Es braucht schon eine besondere Hingabe an den Gesang, um ein so bezauberndes Piano, eine so fein schwingende Dynamik im Kollektiv zu verwirklichen. Da mögen manche Höhen nicht ganz behände genommen werden, doch das schmälert den guten Gesamteindruck keineswegs.

Mit Fingerspitzengefühl ans Ziel

Unter der sensiblen Leitung von Karl Scheuber erarbeiten die Sänger seit 1990 anspruchsvolle Chorprogramme, wobei man bei den grösseren Projekten gerne auf die Unterstützung weiterer Künstler zurückgreift. Musikalischen Sukkurs erhielt der Schmaz dieses Mal zum einen vom Pianisten Irwin Gage, zum anderen vom Tenor Roger Widmer.
Irwin Gage, der verdiente Liedbegleiter, tastete sich mit der Erfahrung von Jahrzehnten durch die vielen, hauchzarten Akkorde und versorgte seinerseits die Sänger mit wichtigen musikalischen Nährstoffen und Impulsen.
Die Aufgabe des jungen Tenors Roger Widmer war es, den Chor gesanglich zu überflügeln. Nach Art der Responsorien trat er dabei meist mit dem Chor in Dialog. Mit seiner kräftigen, wohl timbrierten Stimme setzte er einen farblich attraktiven Kontrapunkt. Unsicherheiten mit der Höhe konnten allerdings bis zuletzt nur ungenügend kaschiert werden.

Viel Freude an der Kurzprosa

Gehörte die eine Hälfte des Abends der Musik, so beanspruchten Franz Hohler und das gesprochene Wort die andere Hälfte. Einige Texte des Kabarettisten und Schriftstellers mit dem Mut zur Einfachheit entstanden als direkte Spiegelung zu den von Schubert vertonten Gedichten. Das Publikum hatte nicht

wenig Freunde an der lakonisch vorgetragenen, märchenhaften Kurzprosa mit den skurrilen Pointen. Als szenischer Koordinator sorgte Dominik Flaschka für eine überaus dezente Inszenierung. Dass Hohler zum Schluss gar noch nach dem Cello griff, mag in seinen Ein-Mann-Shows zur Erweiterung der Ausdruckspalette massgeblich beitragen, passte hier jedoch nicht zum musikalischen Niveau des im Übrigen Dargebotenen. Doch zum Glück blieben angenehmere Zwischentöne als Erinnerung an diesen Abend stärker haften.