2. Juni 2003

Tages-Anzeiger, 2. Juni 2003,
 «Ansteckende Sänger-Fröhlichkeit»
,
 von Patrick Müller

Schwule und lesbische Chöre trafen sich am Samstag in der Tonhalle. Ein Abend zwischen musikalischem Spass und emanzipatorischem Engagement.

Männerchöre, Frauenchöre: Da sind die Klischees nicht weit, man denkt an die in Siebzigerjahre- Anzüge gekleideten Mannen, die im Theater Christoph Marthalers auftreten, oder an einen alternden Kirchenchor. Und so ist die Frage, die der Moderator Patrick Rohr am Abschlusskonzert des SchwuLesbischen Chorspektakels in der Tonhalle stellte, berechtigt: Was unterscheidet einen schwulen Männerchor von einem Männerchor?

Nun, der kleine Unterschied ist einer von Tag und Nacht, ersichtlich schon an der Anzahl Fahrräder vor dem Konzertsaal, an der bei klassischen Konzerten unüblichen Überzahl von Männern im Publikum, an den regenbogenfarbenen Hemden des auftretenden Choeur International Gai de Paris MéloMen, schliesslich an der ansteckenden Fröhlichkeit der Zuhörer, die in der Tonhalle Seltenheitswert hat. Sie war am Samstag bis auf den letzten Platz gefüllt.


Bemerkenswert war das Selbstbewusstsein, mit dem eine international stark vernetzte Szene sich selbst und das Erreichte feiert: Freude an der Musik und emanzipatorisches Engagement bilden hier eine Einheit, der man sonst selten begegnet.

Grund zum Feiern gibt es einigen: Als vor zehn Jahren erstmals ein solches Chorfestival in Zürich stattfand, reisten die meisten europäischen schwulen und lesbischen Chöre an, inzwischen ist die Szene so gross geworden, dass dies organisatorisch nicht mehr zu bewältigen gewesen wäre. Das dreitägige Zürcher Chorspektakel hat aus dieser Not denn auch eine Tugend gemacht: Der Gastgeber, der Schwule Männerchor Zürich, schmaz , hat die Crème de la crème eingeladen, und die Namen der beteiligten Chöre bürgten schon von sich aus für eine vielfarbige Mischung zwischen Unterhaltungsmusik und Klassik: Die Rheintöchter, Die Mainsirenen, die Philhomoniker oder gar Die fetten koketten Soubretten; die Rheintöchter sind übrigens ein gemischter Damenchor, will heissen, dass die einen Mitglieder so, die andern andersrum sind.

Zu feiern schliesslich gibt es auch ein anderes zehnjähriges Jubiläum, dasjenige der Schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross, die sich für die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen einsetzt. Sie hat einiges erreicht, offenbar lässt sich innerhalb der politischen Strukturen, die in der Schweiz nicht weniger fest gefügt seien als die Alpen, so Alt-Stadtpräsident Josef Estermann in seiner Laudatio, doch einiges bewegen.

Nach dem stilistisch zwischen Beethoven bis Mani Matter weit gefächerten Konzert der beiden Chöre schmaz (Leitung: Heini Roth) und MéloMen (John Dawkins) verbanden sich alle elf Chöre zum Abschluss zu einem nun wirklich gemischten Chor: Anton Bruckners «Abendzauber» war zu hören sowie die Uraufführung von «Au bord de l'eau» nach einem Text von René-François Sully-Prudhomme, die der Komponist Daniel Fueter selbst leitete: Der Weg vom dumpfen Grollen der vier Hörner und des Klaviers hin zum gelösten Singen am Schluss mag nochmals ein Bild sein für den Weg, den die Szene durchlaufen hat.