Mittwoch, 28. Mai 2003

NZZ, 28. Mai 2003,
 «SchwuLesbisches Chorspektakel» 
von Thomas Schacher

Zehn Jahre nach dem Chorfest von 1993 veranstaltet der « schmaz », der Schwule Männerchor Zürich, über das verlängerte Auffahrtswochenende erneut ein Chorspektakel . Elf schwule und lesbische Chöre aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz präsentieren sich in den verschiedensten Stilen.

Die Chöre tragen Namen wie «Die fetten Koketten Soubretten» (Köln), «Philhomoniker» (München) oder «Frauenchor unerhört» (Bern). Es sind entweder Männerchöre oder Frauenchöre, sie repräsentieren eine grosse Bandbreite bezüglich Grösse, Programm und Showeffekten.Und ihre Mitglieder sind homosexuell veranlagt. Ausgewählt und eingeladen wurden die Chöre von der gastgebenden Sektion, dem Schwulen Männerchor Zürich, kurz «schmaz» genannt. Karl Scheuber, der künstlerische Leiter des «schmaz», kennt diese Chöre teilweise schon von anderen ähnlichen Veranstaltungen her und ist überzeugt, dass es sich bei der präsentierten Auswahl um «die Crème» der schwulen und lesbischen Chöre handelt. Die Konzerte im Volkshaus bieten ein buntes Gemisch aus Schlager, Pop und leichter Klassik an. Am Samstag tritt der «schmaz» zusammen mit dem Männerchor «Mélo'Men» aus Paris in der Tonhalle mit einem klassischen Programm auf. Zum Schluss werden dort die 225 Sängerinnen und Sänger gemeinsam die Komposition «Au bord de l'eau» von Daniel Fueter uraufführen. Anschliessend ist im Volkshaus eine Party angesagt, bei der auch eine Verlosung zugunsten der nationalen Abstimmungskampagne zum Partnerschaftsgesetz stattfindet.

Der «schmaz» und andere Schwulenorganisationen haben sich schon letztes Jahr für das kantonalzürcherische Partnerschaftsgesetz eingesetzt, das vom Stimmvolk deutlich angenommen worden ist. Das Beispiel ist typisch dafür, dass heutzutage die meisten Schwulen- und Lesbenchöre ihr Wirken auch in einem politisch-gesellschaftlichen Sinn verstehen. Sie kämpfen für die Akzeptanz der Homosexuellen in der Gesellschaft. Sie werden dabei unterstützt von Organisationen wie der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich (HAZ) oder dem Network «Pink Cross», dessen 10-jähriges Bestehen am Chorspektakel durch eine Rede von Josef Estermann gewürdigt wird. Dass Schwule und Lesben Seite an Seite für ihre Besserstellung kämpfen, ist im angloamerikanischen Raum längst eine Selbstverständlichkeit. In Zürich sei die Zusammenarbeit bis vor etwa zehn Jahren nicht unproblematisch gewesen, sagt Scheuber. «Lesben setzen andere Akzente wie z. B. die Frauenemanzipation oder das Aufarbeiten erlittener Verletzungen.» Aber heute ständen die gemeinsamen Anliegen im Vordergrund, und die Kooperation sei inzwischen viel besser.

Schwulen- und Lesbenchöre liegen im Trend. Vor zwei Jahren fand in Berlin ein einschlägiges Chortreffen statt, bei dem 70 Chöre mitwirkten. Und in Paris im Jahr 2005 werden es vermutlich noch mehr sein. Die Gründe für diesen Anstieg sieht Karl Scheuber auf zwei Ebenen: Allgemein ist seit etwa dreissig Jahren eine Veränderung der Chorlandschaft festzustellen. Neben die traditionellen Oratorienchöre treten immer mehr Chöre, die projektbezogen arbeiten, spezielle Programme machen, in verschiedenen Sparten auftreten. Vor diesem Hintergrund sei auch die Zunahme der Homosexuellenchöre zu verstehen. Auf der konkreten Ebene verschafft das Singen in einem Chor von Gleichgesinnten den Schwulen das Gefühl von Gemeinschaft, Stärke und Akzeptanz. Das «coming out» geht über den Chor einfacher als sonst. «Ich singe im schmaz » sagt sich einfacher als «Ich bin schwul». Was die Musikalität direkt betrifft, stellt Scheuber bei Schwulen häufig eine ausgesprochene Experimentierfreude bezüglich der Stimme fest. Mit der Kopfstimme singen, in Rollen schlüpfen, Songs travestieren, Edith Piaf nachahmen, das macht alles sehr viel Spass.

Dass das «SchwuLesbische Chorspektakel » gerade in Zürich stattfindet, ist kein Zufall. Denn Zürich ist, wie Berlin oder London, ein Mekka für Schwule und Lesben. Scheuber schätzt, dass hier beide Szenen ungefähr gleich gross sind. Die Schwulenszene wird aber in der Öffentlichkeit deutlicher wahrgenommen als die Lesbenszene. «Die Lesben gehen das Thema aus verschiedenen Gründen etwas ernster an», fügt er als Begründung bei. Ein weibliches Pendant zum « schmaz » existiert in Zürich jedenfalls nicht. Was macht denn Zürich für Homosexuelle so attraktiv? Die Anonymität der Grossstadt spiele zwar auch eine Rolle, sagt Scheuber. Aber Zürich biete für diese Menschen eine grosse Infrastruktur an, und es herrsche ein Klima der Akzeptanz, nicht nur Schwulen und Lesben gegenüber, das vom Stadtrat seit etwa zwanzig Jahren gefördert werde. Schwule können sich in dieser Stadt offen und selbstbewusst bewegen, und Übergriffe von Heteros auf Schwule halten sich in Grenzen. Auf die Frage, ob ihm sein öffentlicher Einsatz für die Sache der Schwulen mehr Vorteile oder Nachteile gebracht habe, antwortet Scheuber: «In 95 Prozent der Fälle erlebe ich hier viel Offenheit und Goodwill.»