2. April 2002

Tages-Anzeiger, 2. April 2002, 
«Siehe, ich verkündige euch grosse Schande»

S
oziale Empathie statt frommer Erbauung weckt die Uraufführung der «Judas-Passion» von Jürg Jegge und Daniel Fueter, von Michael Eidenbenz

Karfreitagnachmittag, ein ausverkauftes Grossmünster, eine Passionsaufführung mit Chor, Solisten und Orchester - alles also, wie es sich gehört. Doch für einmal galt der ganze Aufwand nicht frommer

Erbauung, sondern dem Leiden eines Outlaws. Geboren wurde er als Frucht eines Ehebruchs seiner in Schande vertriebenen Mutter Magdalena. Er durchlebt eine Jugend als Ausgestossener, gilt den Menschen als Ausgeburt der Schande, sucht Gnade als Anhänger Jesu, wird von diesem sogar erwählt als einer der Zwölf und erhält schliesslich seine Bestimmung: als Verräter.

Parodie auf das VertrauteS
 o erzählen Autor Jürg Jegge und Komponist Daniel Fueter die Geschichte des Judas, gewiss eine der interessantesten Figuren des ganzen Passionsdramas. Ihre Biografie in Jegges Text ist erfunden und stellt die einfachste, gesellschaftskritische unter allen denkbaren Versionen dar: Wer von der Umwelt früh auf Grund irgendwelcher gerade gültiger Moralgrundsätze stigmatisiert wird, erlebt sein weiteres Leiden schicksalhaft. Was Jegge erzählt, ist also ausdrücklich keine wundersame Legende, sondern nichts als der nackte, menschliche Alltag, eine Geschichte, die normalerweise wegen ihrer Gewöhnlichkeit eben nicht erzählt wird. Sie ist das banale Gegenbild zu jener anderen Geschichte, die Wort für Wort so bekannt ist, dass sie sich in Sprache und Form leicht parodieren, umdrehen lässt, was Jegge mit geradezu lustvoller Akribie macht. So wird denn aus der Verkündigung der Magdalena ein «Verwünscht bist du unter den Frauen . . .», ihr Magnifikat ist ein Klagegesang, keine Lobpreisung, sondern nackte Anklage: «Reiche hat er mit Gütern erfüllt und Hungrige leer hinweggeschickt. Und er wird sich meiner nicht annehmen.» Und natürlich wird der Engel sagen: «Siehe, ich verkündige euch grosse Schande . . .»

Effektvolle IdeenvielfaltM
 usikalisch allerdings wird weniger direkt parodiert. Daniel Fueter übernimmt von den kanonisch wirkenden Vorbildern der Bach-Passionen deren eklektischen Stilpluralismus mit frappanter kompositorischer Virtuosität und theatralisch höchst effektvoller Ideenvielfalt. Da gibt es Volkschorszenen, Rezitative mit gequält eng gesetzten Chorälen, komplexe Tableaus, «arme» Arien mit minimaler Instrumentierung, Klänge, die aus frühen Weill-Stücken stammen könnten, sture Fugen, die - nicht anders als bei Bach - den Gesetzesfanatismus der Tempelhüter umsetzen. Und, da diese Geschichte nun tatsächlich ewige Wiederkehr erfährt, endet der Epilog mit den gleichen zerrissenen Akkorden, mit denen das Drama begonnen hat. Orgel, Saxofonquartett, Tuba, Kontrabass, Viola, Klarinette bilden die dunkle Klangbasis; dazu kommen Piccolo, Schlagzeug und die exotische Klangsymbolik eines Hackbretts. Kombiniert mit den Solostimmen von Jeannine Hirzel, Luiz Alves da Silva, Rudolf Mazzola und der «unschuldigen» jungen Stimme Julia Schiwows ergibt sich daraus eine tatsächlich fast barock anmutende Form- und Klangvielfalt.

VorundnachdemSündenfall
Der schwule männerchor zürich, schmaz, konnte unter Karl Scheubers Leitung seine ganze Virtuosität und engagierte Beweglichkeit zur Geltung bringen. Dem Pluralismus Daniel Fueters hatte er als denkbar grössten Kontrast zum Konzertbeginn die absolute Stilreinheit Palestrinas vorangestellt: A-cappella- Klagegesänge der Renaissance, dargeboten mit einer sorgfältigen Verhaltenheit, die gleichsam eine Musik vor dem sozialen und expressiven Sündenfall zu evozieren schien.