2. April 2002

NZZ, 2. April 2002, 
«Kritik an Gott»


Karfreitags-Uraufführung der «Judas-Passion»
im Grossmünster Zürich

«Und der Herr übt Macht mit seinem Arm, / er stützt die Gewaltigen auf dem Thron / und erniedrigt die Niedrigen.» Magdalena, die Ausgestossene, die Mutter eines Ausgestossenen, des unehelichen Bastards Judas, singt diese Worte in einer Arie in Jürg Jegges und Daniel Fueters «Judas-Passion». Handfeste Kritik an Gott wird geübt. Beziehungsweise daran, was die selbstgefälligen Menschen aus Gott gemacht haben. Im biblischen Tonfall hat Jegge den Text geschrieben, aber alles umgepolt und das Leben von Judas mit dem Leben von Jesus parallel gesetzt. Der Einzige, der Judas in seinen Kreis aufnimmt, ist Jesus selber - und dafür wird er verraten. Wie in der Basiskirche wird Jesus so als politische Figur begriffen.Um den Tonfall der grossen Passionen kam auch der Komponist Daniel Fueter nicht herum. Formal und in den musikalischen Verhaltensweisen sind die Bezüge offensichtlich. Aber es ist Fueter gelungen, eine ganz eigene, berührende Musik zu schreiben, die im Ausdruck sehr direkt, emotionell ist, klar Stellung bezieht und sich dennoch nie anbiedert. Eine Musik mit speziellem, zerrissenem Klang: Resigniert wird man am Schluss wieder in die ungerechte Welt entlassen. Es braucht Mut, ein solches Werk am Karfreitag ins Zürcher Grossmünster zu bringen. Der schmaz (schwuler männerchor zürich), Jeannine Hirzel (Mezzosopran), Luiz Alves da Silva (Kontratenor), Rudolf Mazzola (Bass), Julia Schiwow (junge Stimme) und ein Ad-hoc-Ensemble unter der Gesamtleitung von Karl Scheuber haben diesen Mut gehabt und das Werk bravourös uraufgeführt. Als Einleitung einige Stücke aus den «Lamentationes Jeremiae Prophetae» von Giovanni Pierluigi da Palestrina: Klagt nicht auch Jeremia darüber, was die Menschen aus Gott gemacht haben?