Dienstag, 1. Mai 2001

Zürcher Oberländer / Anzeiger von Uster, Mai 2001, 
«Rossinis Oper ganz anders» von Sibylle Ehrismann

schmaz - der schwule männerchor zürich - bringt neben seinen «klassischen» Konzerten alle paar Jahre auch eine szenische Produktion auf die Bühne. Zum 650-jährigen Verbleib von Zürich bei der Eidgenossenschaft präsentiert der schmaz im Volkshaus Gioacchino Rossinis Oper «Wilhelm Tell» auf seine Art. Sie singen nicht nur mit Freuden, sie spielen auch leidenschaftlich gern Theater: schmaz, der Schwule Männerchor Zürich. In diesem Jahr, nicht wie bei den früheren Revuen, spielt der Chor eine ausgewachsene Oper.

Zwar besitzt der schmaz hierfür keine Stars als Solisten, keine Frauenstimmen, kein Ballett und kein Orchester, doch hat er vier Dutzend hochmotivierte, stimmlich ausgebildete Sänger, eine sechsköpfige, vielseitig einsetzbare Jazzband, und mit Karl Scheuber einen der führenden Chordirigenten der Schweiz als musikalischen Leiter. Sie alle stellen im «Tell» mit viel Witz, Humor und musikalischem Verve unerschrockene Eidgenoss(inn)en, wackere Habsburger, Tell, Arnold,Mathilde, Walterli und andere munter dar.
Gelungene Chorstücke: Der erfahrene Arrangeuer Thomas Fischer hat dafür Rossinis rund viereinhalb-stündige Oper auf anderthalb Stunden gekürzt, vor allem auf Kosten der Rezitative.Besonderes Gewicht haben dabei die prägnantenChorstücke wie «Sì, punir l'oppressor», der Rütlischwur oder«Anatema a Gessler». An der Premiere vom Freitag waren es denn auch vor allem die chorischen Auftritte, die musikalisch sehr schön gelangen. Dramaturgisch aber gab es trotz den Kürzungen einige Längen. Es ist eben doch etwas anderes, ob man eine Revue mit verschiedenen Liedern und musikalischen Stilen zu einem Thema zusammenstellt, wie das der schmaz bis anhin machte, oder ob eine bekannte Oper umkonzipiert wird. Zwar wurde auch hier stilistisch zwischen Klassik, Jazz und Rock hin und her gependelt, aber die Sängersolisten kamen bei Rossini doch sehr bald an ihre Grenzen, technisch, darstellerisch und musikalisch.
Herrliche Situationskomik: Dafür gab es einige herrliche Regieeinfälle von Dominik Flaschka.

Da ist zum Beispiel das Schiff, mit dem Tell sich und seine Gefährten in Sicherheit bringt. Ein rotes gefaltetes Papierschiffchen wird auf dem erhöhten Podest in der Mitte der Bühne von einigen Sängern mit weit ausholenden Armbewegungen ans andere Ufer portiert. Oder dann Gesslers Hut - ein Clownhütchen mit Gummizug, das aus einer Party-Bombe zum 1. August stammt. Zum Lachen komisch ist auch der Auftritt der Habsburgerprinzessin Mathilde (Peter Wolfensberger), die«tanzend» ein Gymnastikband durch die Luft schwirren lässt. Sängerisch und mimisch leistet vor allem Peter Kyburz in der Hauptrolle des Tell Beachtliches. Ihm gelingt nicht nur das komische, sondern auch das dramatische Moment mit überzeugender Präsenz. Sein Armbrustschuss auf den Apfel ist der szenische Höhepunkt des Abends. Die Männer des Chores stehen in einer Reihe und geben sich den abgeschossenen Pfeil von Hand zu Hand weiter, bis ihn der letzte in den Apfel stösst.