Passionskonzerte im April 2017

Passionskonzerte im April 2017
Wir freuen uns auf die gemeinsamen Auftritte mit der Aargauer Kantorei im April 2017

1. Mai 2001


Landbote Winterthur, Mai 2001, 
«Kühne schwule Schweizer Herzen», von Karin Landolt

Der schwule männerchor zürich, «schmaz», zeigt die Tell-Sage nach der Oper von Gioacchino Rossini. Leicht ist sie nicht, die Herausforderung, in der heutigen Zeit die wohl berühmteste Legende der Schweizer Eidgenossenschaft auf die Bühne zu bringen, ohne bieder zu wirken. Auch lauert die Gefahr, dass aus dem Anspruch, die Geschichte mit Ironie neu zu inszenieren, schnell eine lächerliche Farce wird. Beides kann der Schmaz-Tell-Aufführung jedoch nicht vorgeworfen werden.

Sowohl dem Jazz-Komponisten Thomas Fischer, der Rossinis Oper «Wilhelm Tell» ins Zeitgenössische umarrangierte, als auch dem Regisseur Dominik Flaschka ist es gelungen, die Legende auf spannende, sympathische und originelle Weise umzusetzen. Die Warteschlange im Foyer des Theaters Winterthur will nicht aufhören, der Beginn der Aufführung muss um eine Viertelstunde verschoben werden. Schon die erste Szene bringt das Publikum zum lauten Lachen. Wilhelm Tell (Peter Kyburz) und sein Sohn Jemmy (Urs Busslinger) betreten die Bühne, sehen sich um, besteigen den auf der Bühne platzierten Sockel und stellen sich, Tell mit der Armbrust über der Schulter, originalgetreu nach dem steinernen Vorbild in Altdorf in Position. Nun betritt das gesamte Ensemble die Szene, die Männer, alle in schwarzen Anzügen, drehen sich um das Denkmal wie Touristen.

Tell, der schon bald den Soldatenmörder Leuthold vor den Vergeltungsschlägen des Landvogts Gessler retten muss, bedient sich eines Schiffes, um den Vierwaldstättersee zu überqueren. Die Schifffahrt spielt sich in Miniatur ab, ein kleines Papierboot, getragen von den Chormitgliedern erreicht bei hohem Wellengang das andere Ufer. Die Szene wird von rockigen und jazzigen Musikeinlagen getragen. Zum Aufstand der Eidgenossen kommt es bald. Tell weigert sich, sich dem Landvogt (Paul Jansson) zu unterwerfen, nachdem dieser dem Volke gnädigst die 1.-August-Party gewährt hat (symbolisch zünden die Eidgenossen eine Tischbombe, tanzen mit Clownnasen und Papierhütchen übers Parkett). «Gelobt sei's, bei unserer Schmach», schwört Tell mit tiefer Bassstimme. «Auf, auf Brüder, auf, die Rache ruft», antworten seine Verbündeten, Hilfe kommt aus Uri, Schwyz und Unterwalden, und auch von Schweizer Söldnern im schwarzen Anzug, die für fremde Händel den Franzosen und dem Vatikan verpflichtet sind.

Der berühmte Armbrustschuss: Gessler straft den Rebellen, dem so viel an seinem Sohne liegt. Tell soll der beste Schütze sein? Nun soll er es beweisen. Was dann folgt, kennt jedes Schweizer Kind. Auf Jemmys Kopf wird ein Apfel gebunden, eine Schlaufe lässt ihn wirken wie ein Osterei. Es ertönt «Bohemian Rapsody» von Queen. «I'm just a poor boy, nobody loves me», jammert Jemmy. «Let me go», doch Gessler sagt «No». Mama Mia, Mama Mia ... Der telltaugliche Text ist zugleich die Hommage an den homosexuellen und an Aids verstorbenen Freddy Mercury. Wie aber soll der Tell auf der Bühne einen Pfeil schiessen, ohne seine Kollegen auf der Bühne zu gefährden? Ganz einfach, der Pfeil fliegt im Zeitlupentempo, so wie vorher das Schiff durch die Hände der Schmaz-Sänger segelte. Das Publikum ist hingerissen. Tell gewinnt das Spiel von Gessler, dieser muss den Jungen laufen lassen, sein Vater kommt in Ketten. Aber alles wird gut.

Tell befreit sich und erschiesst Gessler. «Victoria» und «Liberté», singen die Eidgenossen. «Die Sonne strahlt nach Sturmes Nacht». Wir sind wieder beim Denkmal, nur, dass die Regie nun auch Tells Gattin (Igor Rezan) auf dem Podest platziert. Der schwule Männerchor zeigt eine unterhaltsame Glanzleistung. Mit rund 50 Chormitgliedern sind teilweise nur Wortfetzen zu verstehen, und Gesslers Rolle wirkt nicht ganz überzeugend. Das liegt nicht unbedingt an dessen Schauspieltalent, sondern am allzu melodiösen Stimmpart, mit dem er oft zu harmlos erscheint. Doch der fast endlose Applaus zum Schluss zeigt, dass diese Mankos dem Stück nicht abträglich sind. Die Männer, die unter der musikalischen Leitung von Karl Scheuber singen, stellen das Los der kühnen Eidgenossen auf genussvolle, ironische und doch liebevolle Art dar. Kompliment.