21. November 2000

Landbote Winterthur, 21. November 2000, «Tschechische Chormusik»
, von Rita Wolfensberger

Wenn Karl Scheuber seine beiden Chöre: die Engadiner Kantorei und den «schmaz», schwuler männerchor zürich, zusammenlegt, erzielt er einen Chorklang, um den ihn viele Kollegen beneiden dürften: Er verfügt dann nämlich reichlich über Männerstimmen, die dem Gesamtklang ein kraftvolles Fundament legen und sowohl die Bass- als auch die Mittelpartien in satter Fülle ertönen lassen können. Das kam der Aufführung der zwei Chorwerke in diesem Freikonzert des Musikkollegiums sehr zustatten.

Sie stammen beide aus dem tschechischen Tonschaffen und behandeln mythische Stoffe, welche die ewigen Menschheitsfragen zum Gegenstand haben: Liebe, Verführung, Macht, Kampf, Freundschaft, Tod - darüber sinniert schon das aus dem 2. Jahrhundert stammende Gilgamesch-Epos, und auch die romantische Erzählung vom Jüngling Amarus, der über der Entdeckung der Liebe seinen klösterlichen Auftrag vergisst und dies mit dem Tod bezahlt, kündet von einer urzeitlichen Erfahrung.«Gilgamesch»

Das Oratorium «Das Gilgamesch-Epos» von Martinu ist ein Spätwerk und besitzt alle Attribute des Reifestils, vor allem grosse Ausdruckskraft, überragende, auch in komplexen Partien sicher verankerte, gut nachvollziehbare Satzkunst, nicht zuletzt dank kluger Verwendung und Verarbeitung knapper Hauptmotive, und oft berauschende, aber auch sehr berührende Klangsinnlichkeit.

Karl Scheuber hat seine Chöre perfekt zusammengeschweisst, sie zu zuverlässiger Sicherheit geführt und in der Gesamtkonzeption den weiten Horizont der durchlebten Stationen generös abgeschritten. Das Orchester des Musikkollegiums betreute er wohl etwas summarischer, eine Nuancierung wäre namentlich beim Zusammenwirken mit den Vokalsolisten denkbar gewesen. Dank der Sorgfalt und den hohen individuellen Qualitäten aller Instrumentalisten resultierte jedoch auch der Orchesterpart farbintensiv und pathetisch. Hervorragende Solosänger reicherten die Aufführung glanzvoll an: Die Sopranistin Marion Ammann beeindruckte mit der Flexibilität ihrer Stimme, die den mitunter luxuriösen Orchesterklang in Extremmomenten nur noch knapp, aber immer tonschön überstrahlte und in der Traurigkeit des Klagegesangs auf «o» zutiefst ergreifende, vom Chor adäquat sekundierte Töne fand. Raphael Jud war ein stimmgewaltiger und feuriger Gilgamesch, dem Zorn und Aggression, aber auch Leidenschaft, Trauer und Ergebung nicht fremd waren. Der Tenor Roger Widmer gab einem hellen, aber warmen, sehr menschlichen Stimmklang Raum, und Bassist Michael Leibundgut charakterisierte erzählende und beschreibende Passagen sehr geschickt - sein visionärer Dialog aus dem Jenseits mit dem fragenden Gilgamesch war von überwältigender Suggestivkraft - der immer leiser werdende Chor vervollkommnete diese Schlussszene sehr bewegend.

«Amarus»

Die Kantate «Amarus» von Leos Janacek war dann von schlichterer, überschaubarerer Art. Harmonisch bleibt Janacek mitunter gleichsam «hängen» in Momenten der Besinnlichkeit, die dafür Gefühlen genügend Raum gewähren. Dem Tenor sind hier grosse Partien zugedacht, die Roger Widmer meisterhaft ausgestaltete und mit einem weiten Fächer an Expressivität ausstattete. Auch Marion Ammann und Raphael Jud hatten nochmals zwar kleinere, doch ebenfalls eloquente Partien beizutragen. Das Orchester übernahm mit stattlichen, schön und plastisch gespielten Tutti seinen gewichtigen Part, der das Werk fast zur symphonischen Dichtung mit Gesang werden lässt.

Beide Aufführungen hinterliessen nachhaltigen Eindruck, und das Publikum, das den Stadthaussaal dicht besetzt hielt, bedankte sich mit lange dauerndem Beifall.