26. Januar 1999

Thurgauer Zeitung, 26. Januar 1999, «Das ist die Liebe der Matrosen»


Beifallsstürme für den «schmaz» in Steinach

schmaz ahoi!, der schwule männerchor zürich auf Schiffsreise: ein begeisternder Cocktail aus Witz, Traum, Nachdenklichkeit und Übermut, ein ansteckendes Coming-out voll Tiefgang und Kurzweil.

In Steinach konnten sie mit ihrem Schiff, vollgeladen mit Männerliedern, anlegen, um auf ihrem (St. Galler) Landgang ein grosses Stück Lebensfreude zurückzulassen. Im (thurgauischen) Arbon wurden sie von der katholischen Kirchgemeinde ausgeladen. Anderssein ist dort immer noch tabuisiert, Arbon jedenfalls hat sich um einen vokalen Kunstgenuss gebracht.

Freiheitssymbol

Der Matrose, eigentlich ein Schlafgenosse, der sich die Matratze mit dem Kameraden teilen muss, ist beim «schmaz» Symbol für Traum, Freiheit, Fernweh und die Chance zu bedingungsloseren Lebensformen. Nicht nur als Matrosen treten sie auf, diese stimmgewaltig bis hauchzart singenden Männer, auch anderen Kostümen sind sie zugetan, Kostümen, die den Mann erst zum Mann machen: die Uniform, von folkloristisch bis militärisch.

Auch der «schmaz» ist vom letztjährigen Titanic-Virus infiziert: Lange muss man allerdings nach so viel Geist, Esprit und Phantasie suchen, mit der die Tiefen und Untiefen von Träumen, Ängsten, Höhenflügen und Untergangsstimmungen ausgelotet werden.Männergesangskultur hinterfragt

Mit ihrem Traumschiff stachen die «schmaz»-Sänger in See, in ein Meer reichen Männerchorliedgutes von Klassik und Romantik bis Moderne, von ABBA bis Comedian Harmonists, von Jodlerseligkeit bis zu Vaterländisch-Erbaulichem, intonationsmässig und artikulatorisch immer auf hohem Niveau. Dabei werden auch Traditionen der Männergesangskultur hinterfragt, erscheinen manchmal bewusst zwielichtig. Der «schmaz» nimmt sich die Freiheit zu singen, was er will, aber auch zu sein, was er auf der Bühne sein will.

Klischees feinsinnig angestochen

Ein perfekt inszenierter Mix mit echter Inbrunst und interpretatorischer Hingabe, aber auch mit anspielungsreichen, fein nuancierten Brechungen. Sie singen, sich umarmend, liegend, kniend, sitzend, ihr Gesang ist Coming-out in unverkrampftem, flüssig choreographiertem Duktus. Sie zeigen singend ihre eigene Identität, ironisierend aber auch scharf die Sicht der Heteros auf diese Identität, die Vorstellung von einem Schwulenchor. Latente Klischees werden feinsinnig angestochen.

Wundervoll, wie ein Mr. Gay in Lack die Braut in Weiss zur Helvetia kürt, stilisiert und demontiert: Helvetia ist ein guter Schweizermann! Der «Schmaz» ist ein Schweizer Chor mit echter Liebe zum Gesang, ein Chor der sein Schweizer Anderssein in ausgereifter stimmlicher Qualität besingt, bekennt, ironisiert und offenlässt. Diese Offenheit, die in vielen Nummern mit überzeugendem Ernst gezeigt wird, ist sicher die engagierte Botschaft dieser Truppe.

Menschlichkeit und Toleranz

Die stringente Inszenierung, die frech-flotte Szenenfolge, die Überraschungen garantierten einen Abend von schwer beschreibbarem Reiz. Auch Karl Scheuber wirkte, als Uriella verkleidet, stets echt, authentisch, eine wichtige Botschaft vermittelnd: Man spürte diesen ganz eigenen Chorleiter, Pianist und Arrangeur als Vollblutmusiker, als Freund der Menschlichkeit und Toleranz. Diese künstlerische Haltung gewährte einen sinnlichen Abend lang exzellente Chormusik, zum Lachen verführend, zum Tiefsinn auffordernd.