23. November 1998

NZZ, 23. November 1998, «Auf hoher See»

«schmaz ahoi!» - Für seinen Beitrag zum Jubeljahr der Schweiz ist der schwule männerchor zürich (schmaz) auf Deck gegangen. Genauer: auf jenes der «Stadt Zürich», welche soeben in dichtem Nebel die «Uri, Schwyz und Unterwalden» gerammt und deren schiffbrüchige Passagiere aufgenommen hat. Oder war's gar die «Titanic»? Der mächtige Schiffskamin im Hintergrund, das andächtige «Näher mein Gott zu Dir» weckten Assoziationen. Eine symbolträchtige Kollision war es auf jeden Fall, eine prächtige Plattform für die genüssliche Persiflierung (Konzept und Regie: Dominik Flaschka) historischer und aktueller Episödchen.

Die versammelte Gesellschaft war kunterbunt: schmucke Matrosen, Sennen in Chäppi und Chuteli, modische Schönlinge aus der Stadt samt «Mister Gay» mit Krone und Schärpe, zwei gutmütig-trottelige Soldaten, ein Pfarrer samt heiratswilligem Brautpaar.Sie alle sangen sich durch die Hits, welche die Schweiz in 150 Jahren bewegten: «Jetzt wämmer eis jödelä», «Nach em Räge schint d'Sunne», Mendelssohns «Jägerabschied» und eine herrliche Marriage der alten und der neuen Schweizer Hymne durften ebensowenig fehlen wie die in Töne gesetzten Hilferufe Mozarts («Zu Hilfe, zu Hilfe») und der Beatles («Help»). Die musikalischen Fäden hielt Karl Scheuber zusammen, der am Flügel als göttliche Uriella wirkte. Und wenn am Ende des temporeichen Abends der sympathischste aller Schweizer Heroen, der «Gigi von Arosa», im See versank, da weinten ihm selbst Wilhelm Tell und Mutter Helvetia ein Tränchen nach. Das Publikum freilich hatte seine Tränen längst anderweitig vergossen und doppelte mit Begeisterungsstürmen nach.